接心
Intensiv-Lockdown: Zen-Meditations-Sesshin für alle, zur Unterbrechung der Corona-Infektionsketten und zur Besinnung.
- Axel Bambach
- 24. März 2021
Meiner Meinung nach hätte es eine richtig gute Idee sein können – mit etwas mehr Vorbereitung und wenigstens zwei Wochen lang.
Einer der für seine Selbstverbreitung nützlichsten Tricks von COVID-19 ist es ja nun leider, seinen menschlichen Wirt in den ersten Tagen der Erkrankung vor Schwäche oder anderen Krankheitssymptomen zu verschonen, ihn gleichzeitig aber in eine hochinfektiöse Virenschleuder zu verwandeln.
Wer also sich selbst bis Mittwoch vor Ostern irgendwo mit dem Corona Virus infiziert hat und sich ab Gründonnerstag in den verschärften Oster-Lockdown begibt, der bemerkt seine Infektion frühestens nach fünf Tagen, also ab Dienstag nach Ostern. Vorher spricht auch kein Schnelltest an. Bis dahin hat er aber schon sein engstes familiäres Umfeld angesteckt. Und beim Einkaufen am Samstag nach Karfreitag womöglich sogar einige Fremde.
Die Familienmitglieder müssten zusätzlich mindestens weitere fünf Tage lang abwarten, um wissen zu können, ob sie während des Lockdowns infiziert wurden oder nicht. Zur Unterbrechung der Ansteckungskette hätte die zeitliche Dauer des von Angela Merkel angekündigten und wieder verworfenen Oster-Intensiv-Lockdowns also leider nicht ausgereicht.
Der gewählte Zeitpunkt kam außerdem überraschend, weil Ostern ja nun einmal von den christlichen Kirchen als deren höchster Feiertag beansprucht wird. Das ist verständlich, denn es gilt den Tod und die Auferstehung Jesu Christi angemessen zu würdigen. Und die Frist zur Vorbereitung für entsprechende Gesetzesvorlagen war zu kurz, wie man spätestens seit der – übrigens aus menschlicher Sicht ausgesprochen beeindruckenden – Rücknahmerklärung durch Angela Merkel weiß. Ich nehme an, dass beim Vorschlag die Gunst der Stunde eine Rolle spielte, schließlich fehlten zu Ostern nur wenige zusätzliche Tage, um auf eine ordentliche Folge von Ruhetagen zu kommen.
Schade eigentlich, denn ich finde die Idee hat grundsätzlich richtig viel Charme.
Im Zen-Buddhismus ist ein Sesshin 接心 (wörtlich „Konzentration des Geistes“) eine intensive Zeit der Nicht-Ablenkung. Es findet an einem Rückzugsort statt und das Programm ist gekennzeichnet durch Schweigen und häufige Meditationen. Ich habe noch vor der Corona-Zeit im Franziskaner-Kloster Dietfurth zwei Wochen schweigend verbracht. Kein strenges Sesshin, sondern mildere Einführungskurse in das Zazen, aber nicht weniger beeindruckend. Es war eine unglaubliche Erfahrung, wie sich die Sicht auf viele alltägliche Dinge durch bewusstes Weglassen intensiviert. Daher konnte ich mir den Oster-Lockdown nicht nur gut vorstellen, sondern hatte mich sogar darauf gefreut.
Aber wäre so etwas wirklich für ganz Deutschland denkbar? Mit allen, auch jenen Menschen, die sich weder für Zen-Buddhismus begeistern, noch überhaupt für derlei Dinge? Ich denke, wenn so etwas als nationale Herausforderung im allgemeinen Notstand, quasi zum gemeinsamen Happening deklariert, gut kommuniziert und vorbereitet worden wäre, dann vielleicht schon.
Das öffentlich-rechtliche Fernsehen würde vormittags mehrere Programmstränge für die unterschiedlichsten Altersgruppen ausstrahlen, als Homeschooling in einer Qualität, wie wir es uns schon lange wünschen – mit einer Mischung aus spannender Sachkunde, regelmäßig durch Unterhaltsames unterbrochen. Am Nachmittag dann moderiert der Klassenlehrer einen lockeren Video-Chat mit „seinen“ Schülern, damit sich keiner aus den Augen verliert, anschließend konferieren Freunde privat miteinander.
Für die Erwachsenen gibt es Besinnung, Lektüre, Familie. Durchaus auch Telefon oder Videochat. Vielleicht spendiert Netflix ein kostenloses Lockdown-Abo, was man ganz sicher gutes Marketing nennen würde. Ab und zu geht es raus an die frische Luft, im Vorbeigehen winkt man sich zu, aber spricht nicht miteinander. Wenn es grundsätzlich keine Ausnahmen gibt, dann fällt das jedem viel leichter. Einige praktische Fragen wären vorab zu klären, beispielsweise welchen Vorrat man denn beschaffen müsste, um davon zwei Wochen ohne Einkaufsmöglichkeit zu leben. Und wer würde nicht am Lockdown teilnehmen dürfen, weil er die wirklich absolut unentbehrlichen Aufgaben zu erfüllen hat? Welcher Industriezweig müsste eingeschränkt weiterlaufen, weil eine allgemeine Betriebsruhe allzu gravierende Folgen hätte? Allein schon darüber nachzudenken, würde unsere zukünftige Gesellschaft fester zusammenschweißen.
Die vielen Singles hätten es natürlich besonders schwer. Aber was wären schon zwei Wochen im Vergleich zu vielen weiteren Monaten der Distanzierung, in denen jede zarte Annäherung wie eine tödliche Gefahr erscheint?
Welch großes Fest hätten wir dann gemeinsam feiern können, nach der durchstandenen gemeinsamen Quarantäne-Zeit? Annähernd Zero Covid wäre keine Illusion mehr, jeder Ausbruch wäre rasch nachzuverfolgen. Ein Neuanfang, ein Fest der Solidarität von Bürgern in einem demokratisch regierten Land, ohne Absperrungen durch das Militär, also ohne Zwang wie in China, sondern freiwillig. Und danach dann genügend Zeit, um bei niedrigster Inzidenz alle, die es wollen, impfen zu lassen, bevor die Infektionszahlen wieder stark ansteigen könnten.
Ich wäre dafür gewesen. Aber nun kommt es anders. Die dritte Welle und das Zögern der Politiker wird uns ziemlich sicher stark ansteigende Zahlen bescheren, deshalb werden wir uns viel länger mit dem Thema beschäftigen müssen, als nötig wäre. Aber vielleicht bringt uns die nächste oder übernächste Mutation (besorgniserregende Variante), oder spätestens die nächste Pandemie, dann doch noch einen Sesshin für alle. Und dazu dann eine vielleicht durchaus positive geistige Erfahrung.